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Ruhe

Let me live another day,
Without sorrow, whithout shame
Let me feel the wind on my face
Let me feel the sun
And live my days with fun
Let me sing this hymn of life
- Timo Tolkki, "Hymn of Life"

Warum grade jetzt? Warum grade mir? Eigentlich hätte das heute ein schöner Tag werden können. Ich hätte nichts dagegen gehabt mich ein wenig zu entspannen, nur eben mal schnell im Bahnhofskiosk ein Buch kaufen, eine Zeitung, und schon wäre ich wieder weg gewesen. Aber nein - es musste natürlich gleich die Hölle losbrechen. Die flüsternden Stimmen hätten mich warnen sollen. "Bleib zu Hause, bleib in deinem Bett, steh nicht auf." Früher - ja früher war ich ganz gross, wenns ums weglaufen ging. Manchmal wünschte ich fast, es wäre immer noch so.
Die Bücherregale sehen aus wie immer. Kaum etwas interessantes, aber die Menschen mit ihren Schilderungen von Magie sind doch immer wieder interessant. Die bunten Covers sehen immer wieder alle gleich aus. Warum lassen sie sich nicht wenigstens mal etwas neues einfallen?
Inzwischen habe ich mich für ein Buch entschieden, packe es ein und gehe damit zur Kasse, an einigen niedrigen Zeitungsständern vorbei auf denen bunte Magazine auf ihre Käufer warten, Tod Leid und Untergang verkündend. Das grüne Cover des Buches ist wenigstens nicht so bunt wie die anderen, obwohl der Titel "Die letzten Tage" wieder nur dazu dient die Sensationslust der Menschen anzusprechen, nicht so toll klingt. Der Mann vor mir nimmt grade seine Brieftasche aus dem langen, dunklen Mantel. Er ist vielleicht 40 oder 50 - Menschen sehen oft so viel älter aus als sie sind. Sein Kopf zuckt nach links und nach rechts, hektisch. Als wäre er der einzige weit und breit in Eile. Hinter mir warten noch 2 Frauen, die eine erinnert mich unwillkürlich an eine Marktfrau, mit ihrem Korb, die andere, alt, streng - der Typ der mich direkt "Schlampe" titulieren würde ohne auch nur etwas über mich zu wissen. Sie alle haben es eilig. Aber ich hab Zeit. Sollen sie doch machen, wenn sie meinen.
Die Kassiererin schaut mich an, als meine Hand zum Guertel faehrt, nennt mir den Preis - der auch auf dem Display über der Kasse auftaucht. Ihr Gesicht wird gleich eine Spur unfreundlicher, jede ihrer Falten will mich anschreien, daß ich mich gefälligst beeilen soll. Ihr lockigen Haare, die Augen, ihre Stimme, da ist nichts natürliches an ihr. In aller Seelenruhe suche ich mein Geld zusammen. Obwohl Stimmen an mein Ohr dringen redet hier niemand mit dem anderen. Der Mann, der eben noch vor mir war, öffnet die Glastüre und will gerade das Geschäfft verlassen, da raubt mir ein Blitz und ein Knall die Wahrnehmung...

Maikiri ist meine Freundin, ein Traumwesen, glaube ich. Ich selber heisse Shinssa und bin ihr Schicksal. Sie hat mich vor langer Zeit gefunden und uns schweißt mehr als nur ein Zufall zusammen.
Es wäre nicht das erste mal das ich ihr helfe will, und es ist sicher auch nicht das erste mal, daß sie nicht auf mich hört. Aber heute wäre es wichtig gewesen. Die Schwingungen lagen seit einigen Tagen in der Luft aber Maikiri war ja so beschäftigt. Mit lesen! Manchmal verstehe ich die Spitzohren nicht.
Heute hat sie sich in den Kopf gesetzt sich wieder mal ein neues Buch zu kaufen. Als hätte sie nicht schon genug von diesen. Aber wer hört schon auf mich? Ich hab sie angefleht, seit sie ihren kakaobraunen dunklen Körper aus dem Bett gewunden hat. Als erstes ist sie im Bad verschwunden nur, um kurz darauf frisch gewaschen und gekämmt wieder aufzutauchen. Inzwischen ist sie auch in ihren weissen Minirock gestiegen. Er läuft Spitz auf ihren Hals zu oben und lässt Schultern und Arme unbedeckt. Das dunklere Muster, feine geschwungene Linien, dient doch auch nur dazu, ihre Formen zu betonen. Wenn ihr mich fragt: So etwas trägt sie nur um entweder von ihrem kindlichen Körper abzulenken, oder darauf hinzuweisen, aber so richtig habe ich das nicht verstanden - sie würde wohl um einiges sicherer Leben, wenn sie sich nicht so herausputzt. Aber wer hört schon auf einen kleinen Geist? Fehlt nur noch das sie diese Stiefel, die bis zu den Schenkeln gehen, tragen würde. Aber da bevorzugt sie glücklicherweise ihre eigenen, Kniehohen und keineswegs derartig aufdringlich wirkenden. Jetzt bindet sie sich noch ihre Schwarzen, glatten Haare zu einem Zopf zusammen, der bis auf halbe Rückenhöhe herunterhängt und schaut mich mit ihren dunklen Augen an. Irgendwann falle ich doch noch in diese Nachtbrunnen. Sie lächelt freundlich und verlässt dann den Raum.
Der Bahnhof ist nur einige Strassen weg, mit seinen hässlichen Rundungen, gothischen Elementen und den vielen Leuten. Gothischer Stil und Glastüren passen einfach nicht zueinander, finde ich. Menschenmassen schieben sich durch die Halle, Stimmengewirr und Schritte überall. Wie Ameisen laufen sie umher - nein nicht ganz wie Ameisen, die Menschen hier rennen ineffizient, ohne auf den anderen zu achten von einem Ort zum anderen. Als hätten sie etwas zu verlieren. Ich weis nicht, wie Maikiri es anstellt niemanden anzurempeln in diesem durcheinander, aber sie windet sich geschickt durch die Massen. Es beachtet sie eh keiner. Selbst wenn die Menschen ihre Ohren sehen könnten, würden sie sie wohl kaum beachten. Dafür sind sie viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Auf einmal krampft sich alles in mir zusammen, so schlimm war es bisher nicht. Stimmen schreien auf mich ein... Es wird passieren!  "Maikiri! Wo bist du? Maikiri!!" Verdammt, warum muss sie auch so klein sein? Mit ihren anderhalb Metern muss sie mir ja in dieser Menge verloren gehen und ich finde auch keinen der Fäden, die mich zu ihr führen können, in diesem Chaos. Als Schicksalsgeist kann ich den Fäden folgen, die mich mit ihnen verbindet - oder sie mit anderen.
Ah - Bücher - natürlich!
Ich wende mich nach links, dort wird die gewölbte Decke niedriger und erste Geschäfte formen einen Gang, der parallel zur Front und den Gleisen verläuft. Die Kofferautomaten zur aufbewahrung von Gepäck, in der Mitte des Durchganges machen das PLatzangebot für die Zahlreichen Menschen auch nicht grade grösser. Auf der linken Seite kündet ein Schild von einer Wechselstelle, natürlich für alle nur denkbaren Währungen, daneben ein Empfang für ein unterirdisches Bahnhofshotel - wer ausser Zwergen würde auf so eine Idee kommen? Auf der anderen Seite befindet sich die vollverglaste Verkaufsstelle der Metrorapid Railshooter, der Bahngesellschaft schlechthin. Auf mich wirken die Sterilen Verkaufräume aber leblos und tot. Alles hier wirkt irgendwie... tot. Am Ende dieses Ganges ist die Bahnhofsbuchhandlung. Ihr warmes Licht dringt durch die grossen Glasscheiben, in der Mitte eröffnet eine Glastür den Zutritt. In der Auslage liegen die Bestseller der letzten paar Wochen, einer wie der andere - es könnten auch die Bestseller der letzten fünf Jahre sein und keiner würde den Unterschied bemerken.
Maikiri steht gerade vor einem Bücherregal und reckt sich etwas um eines der Bücher aus dem Regal zu ziehen. Schnell bin ich wieder bei ihr, neben ihr löst sich grade ein Mann in einem langen, dunkelgrauen Mantel, mit einer langen, dunkelgrauen Miene, von dem Regal. Ich höre ihn murmeln: "So ein Saftladen - warum haben sie das denn nicht?", dann geht er zu den Zeitungen, murmelt noch etwas in seinen Bart und nimmt schliesslich eines der Magazine. Er hebt den Arm und schaut auf seine Uhr. "Maikiri! Hör mir doch zu! du musst hier we..." Sie wendet sich ab, ihr Arm gleitet durch mich, sie nimmt mich nicht wahr. Warscheinlich hat sie etwas gespürt, aber sie beachtet es nicht. Mein Blick folgt ihr, als sie an dem niedrigen Zeitungsständer vorbeigeht, ein Holzkasten von heller Farbe - warscheinlich nicht echt - an den Seiten rundherum liegen verschiedene Zeitschriften, in der Mitte stehen sie an schräge Bretter gelehnt aufrecht, ihre bunten, effekthaschenden und sensationslüsternen Deckblätter schreien die Besucher an: "Kauft mich!" Mein Blick schweift nach rechts, tiefer in den Laden herein. An den Wänden sind Bücherregale oder Regale mit noch mehr Artikeln, und in der Mitte eine Treppe nach oben.
Maikiri ist inzwischen an der Theke, der Mann vor ihr, derselbe wie vorhin, schaut wieder auf seine Uhr und schaut sich dann hektisch um. Er spricht aufgrergt mit der Kassiererin, aber kann anscheinend nicht zufriedengestellt werden, auf jeden Fall sieht er nicht glücklich aus, als er sich von der Kasse abwendet. Dann ist Maikiri an der Reihe, hinter ihr warten noch 2 Frauen. Sie sehen auch nicht grade glücklich aus. Wer sieht hier überhaupt glücklich aus? Mein Blick gleitet über die Menschen hier, und sie sehen alle aus wie ein Teil einer Maschine, deren Funktion sie vor langer Zeit vergessen haben.
Auf einmal sind die Stimmen wieder da, die Stimmen anderer Geister! Die, die mich und Maikiri warnen wollen. Sie schreien auf, ich sehe einen kleinen Luftgeist (ein flüchtiger Eindruck einer fliehenden Gestalt), der sich windet, 2 Wasserphantome (halb durchsichtige Gestalten, entfernt Humanoid, aber ihre Formen verändern sich ständig, wohl weil sie aufgeregt sind) viele Schicksalsgeister, auf einmal sind sie alle sichtbar. Ein Gewirr von Farben, Formen und Stimmen und wie sie an ihren Menschen zerren. Die reagieren aber nicht. Die meisten haben vor langer Zeit verlernt auf ihre Instinkte zu hören, geschweigedenn auf uns.
Der kleine Geist auf der Schulter des Mannes, der so hektisch auf seine Uhr geschaut hat - er schaut schon wieder - wirkt fast überglücklich als 'sein' Mensch den Laden verlässt. Er schiebt sich an einem Mädchen vorbei was gerade hereinkommt. Dann reissen die Stimmen alle auf einmal ab - und ich sehe, was sie in Panik versetzt hat, ich spüre diese unglaubliche Kraft. Dann bricht die Hölle los...

"Verdammt, Maikiri! Warum hast du nicht auf mich gehört?"


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